Stell dir vor: Drei Kinder, ein Korb voll Holzklötze – und plötzlich wird aus dem Gruppenraum ein Flughafen, eine Ritterburg oder eine Dino-Auffangstation. Kein Arbeitsblatt, kein Stundenplan, keine App – nur Fantasie und kindliche Neugier. Willkommen im Freispiel.
„Aber lernen die da auch was?!“
Diese Frage höre ich oft von Eltern. Verständlich. Schließlich möchte man, dass sein Kind „gut vorbereitet“ ist auf die Kita, auf die Schule, auf das Leben. Und irgendwo zwischen Babyzeichensprache und Englisch-für-Einjährige hat sich der Gedanke eingeschlichen: Je mehr Input, desto besser. Doch die Realität sieht oft anders – oder besser gesagt: freier – aus.
Was ist Freispiel überhaupt?
Freispiel bedeutet: Kinder wählen selbst, womit, mit wem und wie lange sie spielen. Keine Vorgaben, keine
Aufgaben, kein „Jetzt basteln wir alle eine Sonne“.
Das klingt erstmal nach „freien Lauf lassen“, ist aber genau das Gegenteil von Beliebigkeit. Denn im
Freispiel passieren Dinge, die man im strukturierten Setting kaum nachbauen kann:
- Soziale Kompetenz: Wer darf zuerst bauen? Wer hat den Turm kaputt gemacht? Wie finden wir eine Lösung?
- Kreatives Denken: Aus fünf Bauklötzen und einer Socke entsteht ein Raketenauto. Kein Förderheft kann das.
- Konzentration und Selbstwirksamkeit: Kinder, die frei spielen, vertiefen sich oft minutenlang – weil sie selbst entschieden haben, was sie tun.
Warum strukturierte Angebote trotzdem beliebt sind
Viele Eltern wünschen sich klare Lerninhalte. Sätze wie „Heute haben wir Farben sortiert“ oder „Wir haben
den Buchstaben M kennengelernt“ klingen nach Fortschritt – nach sichtbarem Ergebnis.
Aber: Pädagogik ist kein Schnellkochtopf. Was heute wie ein „fauler Nachmittag mit Lego“ aussieht, ist
morgen vielleicht die Grundlage für mathematisches Denken oder Teamfähigkeit.
Die Balance macht’s
Natürlich gibt es auch in meiner Kindertagespflege gezielte Angebote: Malen, Reime, Fingerspiele,
Bewegungsrunden. Struktur gibt Halt. Aber ich plane nicht den Tag durch, sondern lasse Raum. Raum für
kindliche Impulse. Raum für Langeweile (ja, die darf sein!). Raum für Entdeckung.
Denn ein Kind, das im Spiel aus eigener Motivation heraus lernt, lernt nachhaltiger. Es übt, ohne dass
es wie Üben aussieht.
Fazit: Spielen ist kein Lückenfüller – es ist das Fundament
Die Entscheidung für eine Kindertagespflege ist oft auch eine Entscheidung für eine bestimmte Haltung:
kindzentriert, alltagsnah, entwicklungsorientiert. Und das bedeutet manchmal: keine Arbeitsblätter,
sondern Bauklötze. Kein Frontalunterricht, sondern Freiheit.
Ich nehme die Kinder ernst – auch, wenn sie gerade mit der Holzgiraffe sprechen oder einen Stuhl zum
Raumschiff umfunktionieren. Denn: Wer im Spiel ernst genommen wird, entwickelt sich mit Selbstvertrauen.